Der geopolitische Kommunikationsmodus
Der geopolitische Kommunikationsmodus
Bei meinem letzten Besuch in Kyjiw Anfang April erlebte ich eine eigentĂŒmliche Situation. Ich spazierte an den Goldenen Toren vorbei, wo in einem kleinen Park vor der U-Bahn-Station ein junger Mann auf seinem tragbaren Yamaha-Keyboard spielte. Sein Repertoire war eine Mischung aus klassischen KlavierstĂŒcken und einigen zeitgenössischen Popkompositionen â eine Auswahl, die eindeutig auf SentimentalitĂ€t abzielte, und es funktionierte. Es war kurz nach meiner Ankunft, das heiĂt, ich schlenderte umher und hatte das GefĂŒhl, die Luft berĂŒhren zu können â alles an diesem Ort war heilig. Ich glaubte, die Menschen um mich herum lesen zu können: ihre Erschöpfung, ihre Ausdauer, ein ganzes Spektrum an geteiltem und privatem Leid und noch etwas anderes â da ist immer noch etwas anderes ⊠Was ist es?
Ich nahm mein Handy, um eine Sprachnachricht fĂŒr meine Freundin, eine österreichische Musikerin, aufzunehmen, in der Annahme, dass dies ein guter Moment sei, um eine indirekte Darstellung des Krieges zu vermitteln â mittels etwas, das in jenem Augenblick das leisten konnte, was Worte nicht vermochten: eine Klanglandschaft zarter Verletzlichkeit â ein winziger Riss im Bewusstsein all derer, die den Krieg nur ĂŒber eine Reihe von vorformulierten sprachlich-emotionalen Konstruktionen aus der Ferne kennenlernen können. WĂ€hrend ich aufnahm, begann der Luftangriff. Eine entfernte Sirene war ins Klangfeld eingetreten, ĂŒberlagerte sanft die Melodie, bildete eine eigene Elegie und verlieh der Nachricht, die ich gerade senden wollte, eine Ă€sthetische QualitĂ€t. Sie fand es toll.
Ich ging weiter und lief in die Richtung, aus der der Ton zu kommen schien â ein Haus, auf dessen Dach sich ein StĂŒck Infrastruktur aus dem Zweiten Weltkrieg befand, das 2022 wieder in Betrieb genommen worden war und nun Zivilschutzsirenen erzeugte. Es handelt sich um eine klassische elektromechanische Anlage, bestehend aus einem einfachen Elektromotor, der einen geschlitzten Rotor in einem feststehenden GehĂ€use, dem sogenannten Stator, antreibt. Es sieht analog aus und klingt analog: Der Rotor dreht sich mit hoher Geschwindigkeit, saugt Luft an und drĂŒckt sie durch Ăffnungen wieder heraus, wodurch die Luft in schnelle Impulse âzerhacktâ wird, die einen lauten Ton erzeugen. Sobald man nĂ€herkommt, bricht die Distanz zusammen, die noch eine halbe Stunde zuvor eine poetische Interpretation zulieĂ; es gibt nichts anderes in diesem Raum, das so intensiv physisch ist â nur diesen in alle Richtungen gehenden und alles durchdringenden extremen Heulton. Ich griff erneut zu meinem Handy fĂŒr eine Voicecard Nr. 2, die ich im Text mit âexplizit und potenziell triggerndâ versah, fĂŒgte aber auch hinzu: âAber wir sind sicher.â Ein oder zwei Tage spĂ€ter schrieb mir meine Freundin, dass sie beschlossen hatte, diese Sprachnotiz nicht zu öffnen.
Dieser unschuldige Moment mit seiner spontanen PrĂ€zision verkörpert ein Problem, das mich in den vergangenen Jahren beschĂ€ftigt hat. NĂ€mlich das Problem der ReprĂ€sentation, der Vermittlung und, was ich hier vorschlagen möchte, einer geopolitischen Form der Kommunikation. Mein Ansatz ist topografischer Natur: Innerhalb des Kriegsgebiets gibt es keinen Raum auĂerhalb des Krieges. Es mag zwar Abstufungen kinetischer und affektiver IntensitĂ€t geben, es mag Momente der Stille und der Ablenkung geben, doch man befindet sich niemals auĂerhalb des Kriegsrechts und seiner kybernetischen Logik, niemals auĂerhalb der statistischen Wahrscheinlichkeit, von einem Artilleriegeschoss getroffen zu werden, wĂ€hrend man gemĂ€chlich spaziert, und niemals auĂerhalb der Luft, auf die man zu hören lernen muss â sie ist durchdrungen von Informationen. Man kann das AuĂen nur ĂŒber die Grenze erreichen. Oder (hier wird es topologisch) â indem man das AuĂen ĂŒber den Bildschirm berĂŒhrt, durch den man seine zerbrochene RealitĂ€t an einen anderen Ort kommuniziert. Dabei gibt es kein AuĂen jenseits des Verlusts, selbst wenn er technisch gesehen nicht der eigene ist (was ist das âduâ in dieser Luft ĂŒberhaupt?). Der Verlust, der in der Vergangenheit liegt, und der Verlust, der akut in der Zukunft liegt â jeder weiĂ, dass er unvermeidbar ist. Dieses Wissen und seine zeitliche Ausdehnung sind in jedem gegenwĂ€rtigen Moment verankert und machen die Trauer immanent. Weder Grenzen noch Bildschirme können das jemals beheben.
SchlieĂlich fanden meine Freundin und ich es seltsam, dass, obwohl ich es bin, die sich in der Situation ohne AuĂen befindet, ich es auch bin, die mit Ăberlegungen beschĂ€ftigt ist: an welchem Punkt ich etwas teile, was, wie â wie verpacke ich ein Fragment meiner RealitĂ€t so, dass es fĂŒr ihr Wohlbefinden nicht zu beunruhigend ist, wĂ€hrend es dennoch erkannt wird. Und ich treffe diese eine kleine Entscheidung, etwas zu teilen, und sie trifft diese eine kleine Entscheidung, es nicht anzunehmen. Die eine RealitĂ€t ist durch die gewaltsame Entziehung der Möglichkeit kennzeichnet, hinauszutreten, â wĂ€hrend die andere von der Entscheidung geprĂ€gt ist, ein winziges, vermittelndes Fenster zu öffnen, das jedoch sorgfĂ€ltig geprĂŒft wird, da es potenziell zu beunruhigend sein könnte. Ich habe diese Episode als unschuldig bezeichnet, denn es gibt weitaus schwerwiegendere Dinge, die die Grenzen des Krieges, seiner Körper und LĂ€nder nicht verlassen â die Dinge, die sie und ich euch, unseren Leser*innen, nicht weitergeben. Damit sind MĂŒhen verbunden: die des Zeugnisses, die der EindĂ€mmung und die der Vermittlung.
Ich habe den geopolitischen Kommunikationmodus zum ersten Mal als diese Art des Sprechens verstanden, wenn eine Person dazu gedrĂ€ngt wird, âalles auf einmal zu erzĂ€hlenâ.1 Nicht als Persönlichkeitsmerkmal, sondern als Funktion geologischer und geopolitischer Einschreibungen des Landes im eigenen Körper. Ein Körper als Land entsteht durch den Akt der Gleichsetzung eines menschlichen Lebens mit seiner MaterialitĂ€t, ein Thema, mit dem ich mich in meinen frĂŒheren Arbeiten beschĂ€ftigt habe.2 Es ist diese Untrennbarkeit, die das Subjekt dieses Landes von einem Subjekt unterscheidet, wie es beispielsweise in der westlichen liberalen Demokratie verstanden wird, die dem Individuum durch die Ausgestaltung ihres politisch-ökonomischen Projekts PrivatsphĂ€re gewĂ€hrt. Die Voraussetzung fĂŒr ein Subjekt eines Landes ist hingegen Lesbarkeit. Erstens dadurch, dass ihr komplexes Umfeld durch koloniale und geopolitische Logik zu einem homogenisierten Raum verflacht wird, die diesem Land vor allem mit der Voraussetzung begegnet, dass dieses Land und seine Körper etwas zu geben haben. Sie mĂŒssen lesbar sein sowohl als Periodensystem, das den Wert des Bodens definiert, als auch als biometrische Daten, die den Wert ihrer Bewegung und damit die Arbeit bestimmen, die dieser Körper verrichten kann.
Zweitens mĂŒssen sie lesbar sein, wenn sie sich entscheiden, all dem Widerstand zu leisten; andernfalls wird ihr Kampf nicht existieren. Sie mĂŒssen Worte finden, um der Welt die Welten zu vermitteln, die nicht zu viel und nicht zu wenig sind. Der geopolitische Kommunikationsmodus ist somit eine Form, in der wir gezwungen sind, uns selbst lesbar zu machen. Gezwungen nicht in Form eines expliziten Befehls oder einer Herrschaft, sondern als tiefgreifender, bewusster oder unbewusster Widerstand gegen Auslöschung und Ausradierung. Wir können nicht im Privaten trauern, unsere Freude muss gerechtfertigt sein. Diese Form wird durch die Ăbersetzung des (aufgrund seines schieren AusmaĂes) Verachtenswerten in Lesbares, in Begriffe, die innerhalb globaler Narrative, fortgeschrittener Diskurse sowie privater Medienentscheidungen erkannt, verarbeitet und validiert werden können â all dies wird zu SchauplĂ€tzen, die ihre PrĂ€senz, Anerkennung und SolidaritĂ€t vielleicht ein wenig lĂ€nger aufrechterhalten, vielleicht aber auch nicht.
Was ich jetzt tue, ist ebenfalls eine Form geopolitischer Kommunikation. Ich erklĂ€re, ich differenziere, ich nutze das âIchâ als Zeitstempel und Landkarte, um ein territoriales Regime zu verorten, dessen Subjekte immer weniger sind als ein âIchâ, da sie auch ein Land sind und mehr als ein âIchâ, da es in ihrer Stimmen nicht um die Einzigartigkeit ihren eigenen gelebten Erfahrungen geht. Es geht wiederum um die PluralitĂ€t der Einschreibungen â die geologischen und geopolitischen Codierungen, die jedes âIchâ an einem Ort umweltbezogen machen, an dem die Begriffe von öffentlich und privat durch Kollektivierung, WiderstĂ€nde und, ja, die Luft, lĂ€ngst verschwommen sind.
Es ist immer noch etwas anderes da, sage ich. Was ist es?
Sprache beginnt mit Sprachlosigkeit.
Worte kommen aus einem anderen Raum, der nicht Sprache ist.3
Die Beziehung zwischen Sprache und Krieg ist eine heikle Angelegenheit. Die grundlegende Funktion der Sprache besteht darin, die Welt zu strukturieren, wĂ€hrend die Logik des Krieges in einer vollstĂ€ndigen Zerstörung jeder gegebenen Ordnung besteht. Es ist ein totaler Bruch mit der RealitĂ€t, wie wir sie kannten, eine plötzliche Entfremdung von Namen und Bedeutungen von ihren Objekten.4 Wenn man die Grenze zur Ukraine ĂŒberquert, bemerkt man, dass die Luft diese eigentĂŒmliche materielle Beschaffenheit annimmt. Sie birgt die Entautomatisierung des Lebens und die Entsignifizierung seiner Register durch parallele, kontingente Prozesse, die das Nicht-Leben fĂŒr tödliche Zwecke neu konfigurieren und beleben â eine geontologische Raumzeit der modernen KriegsfĂŒhrung.5 Dieser Raum und alles, was er enthĂ€lt, entziehen sich nach wie vor der Darstellung. Jahrelang dachten wir, dass die Suche nach den treffendsten Worten und Bildern, um die Gewalttaten zu vermitteln, denen dieser Raum ausgesetzt ist, der Weg wĂ€re, sie abzuwenden. Wir tun es immer noch, auch wenn es sich manchmal so anfĂŒhlt, als wĂŒrden wir mit uns selbst reden.
Nun betrete ich diesen Raum, er fĂŒhlt sich heilig an. Der andauernde Kampf hier macht jeden Aspekt des Lebens existenziell. Dieser totale Bruch mit der RealitĂ€t â dieser Raum, der sich durch die Entautomatisierung sozialer und semantischer Felder auftat â besteht aus Erfahrungen des Lebens durch den Tod auf eine Weise, die man nur erkennen kann, wenn man in sie eintritt, oder vielmehr, wenn sie in einen eindringen. Es ist eine gegenseitige DurchlĂ€ssigkeit, die man erst erkennt, wenn man diese Schwelle ĂŒberschreitet. Was dir diese BerĂŒhrung des Lebens jenseits vorgefertigter Bedeutungen lehrt, ist etwas, das andere Völker und Orte in solch langen KĂ€mpfen schon lange wissen: Die Ăbersetzung radikaler NĂ€he in Projekte der Distanz kann dich erschöpfen. Ich ĂŒberlege weiter, wie viel von dieser Ăbersetzung ich zurĂŒckziehen möchte. Es fĂŒhlt sich riskant an, denn wir tragen Verantwortung fĂŒr diejenigen, die gerade in diesem Moment die Stellung halten. Doch genau hier beginne ich, ĂŒber eine andere Form der Anerkennung nachzudenken: die des Teilens der Luft und dessen, was sie ĂŒbertrĂ€gt, die der PrĂ€senz, nicht der Sprache.
Der polnische Kurator Jakub Gawkowski sprach 2023 ein Ă€hnliches Thema an und wies auf die Herausforderung der Situation hin, endlich einen Raum zum Sprechen zu erhalten. Er bezieht sich auf Kobena Mercers wegweisenden Essay Black Art and the Burden of Representation, in dem dieser die unmögliche Rolle von âVertreternâ kommentiert, die gegenĂŒber marginalisierten Gemeinschaften rechenschaftspflichtig sind und in deren Namen sprechen: âVon denen, denen die Stimme verwehrt war und die endlich sprechen dĂŒrfenâ, schreibt Mercer, âwird nicht nur erwartet, dass sie Vertreter sind, sondern sie stehen auch unter dem Druck, alles auf einmal sagen zu mĂŒssen: âWenn es nur eine einzige Gelegenheit gibt, sich Gehör zu verschaffen, entsteht dann nicht ein unertrĂ€glicher Zwang, zu versuchen, alles, was es zu sagen gibt, in einem Atemzug zu sagen?â Im heutigen Polen stehen viele ukrainische KĂŒnstler*innen (und in gewissem MaĂe auch belarussische KĂŒnstler*innen, aber das ist eine andere Geschichte) vor Ă€hnlichen Herausforderungen. Was oft mit dem Erhalt eines Sprachraums einhergeht, ist die Erwartung, in Zeiten nationaler Notlage als Vertreter ihrer Nation aufzutreten [âŠ]â (Jakub Gawkowski, âThis Show Is Not About the War: Ukrainian Artists in Poland and the Burden of Representationâ, in: e-flux Notes, 1. August 2023; https://www.e-flux.com/notes/552263/this-show-is-not-about-the-war-ukrainian-artists-in-poland-and-the-burden-of-representation.
Ich habe ĂŒber die Entstehung der Kategorie des Unmenschlichen durch den Prozess der Ressourcenisierung in âNo Milk, No Loveâ, in: e-flux Journal, Nr. 127, Mai 2022, geschrieben; https://www.e-flux.com/journal/127/465214/no-milk-no-love.
Ein Dankeschön an Adam Phillips und Jean-Bertrand Pontalis.
Asia Bazdyrieva, Oscillations, Koozarch, 2025; https://www.koozarch.com/tag/oscillations-column-by-asia-bazdyrieva.
Mark Griffiths, âThe geontological time-spaces of late modern warâ, in: Progress in Human Geography, 46(2), 2022, S. 282â298; https://doi.org/10.1177/03091325211064266.
Published 23 August 2026
Original in English
Translated by
Springerin Redaktion
First published by Springerin (German translation); Eurozine (English original)
Contributed by Springerin © Asia Bazdyrieva / Springerin / Eurozine
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