DER ANDERE BLICK - Die Lehre vom Müllcontainer auf dem Nova-Festivalgelände: Wer Israel helfen will, muss seine Sicherheitsinteressen wahren
Die Lehre vom Müllcontainer auf dem Nova-Festivalgelände: Wer Israel helfen will, muss seine Sicherheitsinteressen wahren
Der Terrorangriff vom 7. Oktober hat die israelische Gesellschaft fundamental verändert. Die Erfahrung der Ohnmacht hat die Bereitschaft, Sicherheitsrisiken einzugehen, radikal reduziert. Israels Partner müssen ihre Politik an diese neue Realität anpassen.
Auf dem Gelände des Nova-Festivals bei Reim steht ein gelber Müllcontainer. Am Morgen des 7. Oktober 2023 krochen junge Menschen hinein und versteckten sich im Müll. Es war erst einmal eine gute Entscheidung. Stundenlang kamen die Terroristen der Hamas immer wieder in ihre Nähe, ohne sie zu entdecken.
Um 11 Uhr 47 wurde der Container doch zum Ziel. Ein Terrorist öffnete ihn und schoss hinein. Einige Menschen starben, andere überlebten schwer verletzt. Manche, weil die Körper anderer die Kugeln aufgefangen hatten.
Davonlaufen oder sich verstecken? An diesem furchtbaren Morgen gab es darauf keine richtige Antwort. Wer floh, konnte entweder entkommen oder genauso gut einem Terrorkommando direkt in die Arme laufen. Wer sich verbarg, konnte überleben oder in der Falle sitzen.
Der Müllcontainer steht für etwas, was vom 7. Oktober geblieben ist: für die Erfahrung vollkommener Ohnmacht. Drei Jahre später ist diese neue Realität der Schlüssel zum Verständnis des Landes Israel und seiner Politik.
Der jüdische Staat ist mit dem Versprechen gegründet worden, dass Juden für ihre Sicherheit selbst sorgen können. Dieses Versprechen galt an jenem Tag nicht mehr. Es wieder einzulösen, bestimmt seither Politik und Gesellschaft. Dieses Ziel hat Israels Toleranz für Sicherheitsrisiken auf null gesenkt.
Keine Risiken mehr
Israel setzt auf militärische Überlegenheit und wirksamere Abwehr und kann darauf vertrauen, dass die Gesellschaft auch langen Belastungen standhält. Dafür nimmt das Land hohe Kosten in Kauf, auch in seinen Beziehungen zur Aussenwelt.
Das ist das neue Israel: ein Staat, der es für existenziell bedrohlich hält, sich auf andere zu verlassen. Jede internationale Kritik, die nicht gleichzeitig eine glaubwürdige Antwort auf die Frage nach Israels Sicherheit gibt, wird daher zwangsläufig als irrelevant, im schlimmsten Fall als feindselig abgetan. Das muss die deutsche Politik verstehen, wenn sie auf dieses Land Einfluss nehmen will. Diese fundamentale Veränderung im Denken muss der Ausgangspunkt jeder wirksamen Israel-Politik werden.
Deutschland muss Einfluss nehmen
Israels Recht unbedingt zu bejahen, seine Bevölkerung gegen Terror zu verteidigen, gehört dazu. Das schliesst Kritik an der Kriegführung nicht aus, im Gegenteil. Aber konkret heisst deutsche Verantwortung für Israel: Politische Vorschläge müssen die Frage beantworten, wie die israelische Bevölkerung vor einer Wiederholung des 7. Oktober geschützt werden soll.
Das gilt für diplomatische Initiativen und bilaterale Waffenhilfe. Es verpflichtet Deutschland aber auch, um die Haltung seiner europäischen und internationalen Partner zu ringen. Denn die Kritik mancher europäischer Staaten an Israels Regierung verfestigt sich zunehmend zu einer grundsätzlichen Distanz gegenüber dem Land. Deutschland muss darauf hinwirken, dass Israel durch eigene Entscheidungen eine Verbesserung dieses Verhältnisses erreichen kann. Darin liegt die Rolle eines guten Freundes.
Ob aus Bedenken und Mahnungen eine wirksame europäische Politik wird, entscheidet sich nicht in Positionspapieren, scharfen Statements und Sanktionsdrohungen gegen Israel – sondern an der Frage, ob Israel überhaupt etwas richtig machen kann. Wenn das Land diesen Eindruck verliert, ist Europas Einfluss endgültig dahin.
An der Siedlergewalt wird das konkret. Jede nächste israelische Regierung muss sie, und jüdischen Terrorismus, bekämpfen. Das ist keine Einschränkung legitimer Selbstverteidigung. Deutschland muss darauf dringen. Im Gegenzug muss eine israelische Regierung, die wirksam dagegen vorgeht, auch eine veränderte europäische Haltung erwarten können.
Israel ist zum Symbol geworden
Für einen Teil der internationalen Gegnerschaft mag es schon zu spät sein, für Irland und Südafrika zum Beispiel. Für sie ist Israel zum Symbol geworden, und das Urteil steht unabhängig von seinen Handlungen fest – zum Zwecke innenpolitischer Geländegewinne, um die postkoloniale Erzählung voranzubringen oder schlicht, weil die eigene Geschichte den Blick versperrt.
Gerade deshalb muss Deutschland dort handeln, wo es noch Einfluss hat: europäische Mehrheiten organisieren, in Uno-Gremien pauschaler Delegitimierung entgegentreten und auf konkrete Forderungen bestehen.
Diese besondere Verantwortung ist ein Arbeitsauftrag. Bittere Klagen über verlorene Abstimmungen und mangelnden Einfluss ersetzen diese Arbeit nicht.
Auf dem Nova-Festival begegnete eine junge Frau, Bar Zohar, auf der Flucht den Terroristen der Hamas. Sie kehrte schwer verletzt zum Festival zurück, um Polizisten zu warnen, damit nicht noch mehr Menschen in dieselbe Richtung geschickt würden.
Drei Jahre nach dem 7. Oktober ist Israel nicht mehr das Land, das es an diesem Morgen war. Militärisch hat es sich Handlungsmacht zurückerobert. Deutschland muss dazu beitragen, dass Israel auch politisch noch Gewicht hat.
Manuel Pestalozzi
Johann Sajdowski
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