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Eine japanische Raumsonde ist zum Mars aufgebrochen – rund um das Programm ist ein boomendes Weltraum

Eine japanische Raumsonde ist zum Mars aufgebrochen – rund um das Programm ist ein boomendes Weltraum-Ökosystem entstanden Japan schickt eine Sonde zum Marsmond Phobos – und holt erstmals Proben zur Erde. Mit an Bord: ein deutsch-französischer Rover. Er ist ein Symbol für Japans Rolle als Partner von Europas Weltraumindustrie. Am Dienstag hat die japanische Weltraumagentur Jaxa die Sonde Martian moons exploration auf den Weg gebracht. Mit dem ersten Hin- und Rückflug zum Marssystem überhaupt will sie Weltraumgeschichte schreiben. Mit an Bord ist der Rover Idefix, eine Koproduktion des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und der französischen Raumfahrtagentur CNES. Er soll den Landeplatz für die eigentliche Landefähre erkunden. Markus Grebenstein war auf deutscher Seite Projektleiter – und fiebert nun im Weltraumzentrum auf der Insel Tanegashima dem Start entgegen. «Es ist eine Gelegenheit, die sich im Leben nur einmal bietet», sagt er der NZZ. «Wir sind dabei, wenn die Japaner als Erste Proben aus dem Marssystem zurückholen.» Mehr noch: Die deutsch-französische Koproduktion werde wahrscheinlich das erste Raumfahrzeug sein, das auf einem Marsmond lande. Zugleich öffnet das Projekt die Tür zu einem der wichtigsten Weltraummärkte noch weiter. Japan hat in aller Stille grosse Weltraumexpertise aufgebaut Die Mission unterstreicht den Aufstieg der Mittelmacht Japan zur Weltraummacht – wissenschaftlich wie wirtschaftlich. Die Japaner sind Stammgäste auf der Internationalen Raumstation und auch an der gemeinsamen Mondmission Artemis beteiligt. Die Jaxa sei zwar kleiner als die US-Raumfahrtbehörde Nasa oder die europäische ESA, sagt Grebenstein. Aber: «Gemessen an der Relation zwischen erfolgreichen Missionen und Budget ist die Jaxa, wenn nicht die effektivste, dann wenigstens eine der effektivsten.» Zudem hätten die Japaner den Mut, Dinge zu probieren, die schiefgehen könnten. In diesem Geist ist rund um die staatlichen Programme ein boomendes Weltraum-Ökosystem entstanden – mit Beteiligung grosser Konzerne. Die Trägerrakete der Marsmission ist vom Industrieriesen Mitsubishi Heavy Industries (MHI). Aber auch neue Unternehmen entstehen: Canon, bekannt für Drucker und Kameras, entwickelt Billigraketen aus kommerziell erhältlicher Hardware, ebenso das Startup Interstellar Technologies. Auch Honda mischt mit: Der Auto- und Motorradbauer hat 2025 eine wiederverwendbare Rakete getestet, die selbst landen kann. Die Jaxa folgte dieses Jahr mit einem eigenen Modell. Der Lokalrivale Nissan entwickelt einen unbemannten Mond-Rover, der Branchenprimus Toyota gleich einen Mondbus für Astronauten. Startups kümmern sich um andere Felder, etwa das Einsammeln von Weltraummüll, weitere Firmen wollen sich in der Mondlogistik etablieren. Sachversicherer bieten schon Policen für Mondtransporte an. Potenzieller Raumschiffanbieter Mitsubishi Electric (Melco), einer der wichtigsten Satellitenhersteller Japans, hat die Raumsonde entwickelt und gebaut. Das gewonnene Wissen soll dem Konzern den Einstieg in die Mond- und Weltraumlogistik ebnen. Einer der Wissensträger für das neue Geschäft könnte Araki Ono werden, Chief Expert der Defense & Space Systems Group. Er hat das Raumschiff federführend mitentworfen. «Die Mission verfolgt zwei Hauptziele», erläutert Ono. Wissenschaftlich gehe es um die Frage, wie die Marsmonde Phobos und Deimos entstanden seien. «Das zweite Ziel ist die Entwicklung von Technologien für die zukünftige Weltraumforschung, wie beispielsweise Reisen zum Marssystem, die sichere Rückkehr zur Erde und die Entnahme von Proben von der Oberfläche eines Mondes oder Planeten.» Die Reise erfordert sorgfältige Planung, da Erde und Mars nur etwa alle 26 Monate günstig zueinander stehen. Der Rundflug dauert fünf Jahre: Etwa ein Jahr nach dem Start erreicht MMX das Marssystem und bleibt dort rund drei Jahre. Idefix und der Lander müssen nahezu autonom landen und sich bewegen. Die Rückreise dauert ein weiteres Jahr. Schon jetzt wird die Technik weiter genutzt Wirtschaftlich zahlen sich die Erfahrungen früher aus. «Wir beabsichtigen, die Leit-, Navigations- und Steuerungstechnologie für andere Projekte einzusetzen», sagt Ono. Der DLR-Experte Grebenstein nennt weitere Folgeprodukte: etwa die Idee, den Marsmond als Ausgangspunkt für Marsmissionen zu nutzen, oder autonome Rover-Schwärme in Leichtbauweise für den Mond. Das Raman-Spektrometer RAX zur Materialanalyse hat sein Team auf 1,5 Kilogramm abgespeckt; üblich sind 4 bis 7 Kilogramm. Idefix mit seinen vier ausfahrbaren, beweglichen Beinchen und Rädern sieht er als Modell für die Monderforschung: Solche Rover könnten von einer Fähre abgeworfen werden, sich aufrichten und die Umgebung autonom erkunden. Japan als verlässlicher Entwicklungs- und Geschäftspartner Mit der wachsenden Expertise wird Japans Raumfahrtindustrie auch für europäische Unternehmen immer interessanter. Das Bremer Raumfahrtunternehmen OHB erwägt, in Japan eine Auslandsniederlassung aufzumachen. OHB kooperiert bereits mit japanischen Unternehmen und berät etwa Toyota beim Mondbus. Neue Chancen sieht der OHB-Vorstand Markus Moeller in der Exploration und in der dualen, also zivilen und militärischen Nutzung des Weltraums. Satelliten könnten bei Frühwarnung, Telekommunikation und Erdbeobachtung eine Doppelrolle spielen. Die Japaner seien sehr an einer militärischen Kooperation mit Deutschland interessiert, beobachtet Möller. Hinzu komme, dass die Zusammenarbeit relativ reibungslos laufe. «Die japanische Vorgehensweise entspricht eher der, die wir aus Europa kennen», erklärt Moeller. Man nehme Herausforderungen an und suche pragmatisch nach Partnern. Das ist für ihn ein Merkmal der neuen Raumfahrtindustrie: «Es geht darum, sich mehr auszutauschen, auch industriell beim Aufbau von Lieferketten.» Denn die wachsende Zahl ziviler und militärischer Programme zwinge alle Länder, die Produktion hochzufahren. Allein gelingt das kaum. Auch Grebenstein hält Japan für einen passenden Partner, schon wegen der Entwicklungskultur. Wenn es Probleme gegeben habe, seien die Jaxa-Experten extrem hilfsbereit gewesen. «Sie sagen nicht: Das habt ihr versemmelt. Sie sagen: Wir haben ein Problem – wie finden wir gemeinsam eine Lösung?» Das gelte auch für die Firmen. «Ich habe den Eindruck, dass die Zusammenarbeit von der Jaxa und Firmen in Japan, vielleicht aus kulturellen Gründen, effizienter ist», so der Experte. Es gehe nicht darum, schnell Geld zu machen. «Man sieht sich dort stark als Teil des grossen Ganzen, das vorangebracht werden soll.» Sein Fazit: Die Zusammenarbeit mache viel Spass, «vor allem wegen der grossen Verbindlichkeit und Verlässlichkeit». In den USA verliere man schon einmal sicher geglaubte Projekte. «Wenn die Japaner sagen, wir fliegen, dann fliegen sie auch.» Und die bewährten Partner sind dann ebenfalls dabei.

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