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Anlageexpertin Alexandra Janssen: «Für eine Finanzkrise bedürfte es eines ziemlich starken Schocks»

Anlageexpertin Alexandra Janssen: «Für eine Finanzkrise bedürfte es eines ziemlich starken Schocks» Die Chefin des Zürcher Vermögensberaters Ecofin ist besorgt wegen der deutlich gesunkenen Liquidität an den Finanzmärkten seit dem Ausbruch des Iran-Kriegs. Zugleich weist sie im Interview darauf hin, dass Anleger bisher erstaunlich ruhig geblieben seien. Frau Janssen, seit dem Ausbruch des Iran-Kriegs vor vier Wochen haben die Aktienmärkte weltweit deutlich verloren. Parallel dazu sind die Kurse von Obligationen gefallen, und der Erdölpreis ist um fast die Hälfte gestiegen. Befinden wir uns in einem perfekten Sturm? Wir bewegen uns zweifellos in einem ruppigen Umfeld. Trotzdem gibt es Nuancen. Märkte in Volkswirtschaften wie Japan oder Südkorea, die stärker von Energielieferungen aus dem Nahen Osten abhängig sind, wurden heftiger getroffen als beispielsweise die US-Börsen. Dies zeigt: Selbst in schwierigen Zeiten wie jetzt ist eines beim Anlegen sehr hilfreich, Diversifikation. Die Unsicherheit mit Blick auf den weiteren Verlauf des Kriegs ist gross. Müssen sich Anleger auf weitere Verluste an den Märkten gefasst machen? Die Finanzmärkte haben all das, was man bis heute weiss, verdaut. Und die Märkte bilden für den weiteren Verlauf Erwartungen. Anders sieht es in der Realwirtschaft aus: Dort kommen die grossen Unsicherheiten wegen der Störungen in den Lieferketten und der Energieknappheit erst auf uns zu. Falls der Krieg noch länger andauert, wird dies die Lieferketten zusätzlich beeinträchtigen. In einem solchen Fall dürften auch die Finanzmärkte nochmals erheblich korrigieren. In Abschwungphasen leidet erfahrungsgemäss die Liquidität. Es wird noch schwieriger, aus Anlagen wie beispielsweise Aktien kleiner Unternehmen auszusteigen. Wiederholt sich dieses Muster gerade wieder? Die Tiefe an den Finanzmärkten hat stark abgenommen. Die Spreads sind hoch. Man sieht dies selbst bei normalerweise hochliquiden Finanzanlagen wie amerikanischen Staatsanleihen. Solche Stresssymptome sind zugleich nicht untypisch in einem Marktumfeld wie dem jetzigen. Solches geht auch vorüber. Bei starken Verwerfungen an den Finanzmärkten werden rasch Vergleiche mit der Finanzkrise von 2008 gezogen. Droht sich diese zu wiederholen? Wir haben heute andere systemische Risiken. Ein grosses Problem sind die hohen Schulden vieler Staaten. Dies schränkt den Handlungsspielraum der Regierungen ebenso wie jenen der Zentralbanken ein. Für eine Finanzkrise bedürfte es eines ziemlich starken Schocks. Beispielsweise müsste ein Land wie China massenhaft Staatspapiere verkaufen. Sind Anleger ob der vielen geopolitischen Krisenmomente, die wir in den vergangenen Jahren erlebt haben, resilient geworden? Es ist tatsächlich beeindruckend, wie gering die Nervosität bei vielen Investoren zurzeit ist. Dies hat vielleicht mit einer gewissen Abhärtung zu tun. Es zeigt aber auch, wie die Finanzmärkte funktionieren. Sobald etwas wie die Bombardierung von Anlagen der Energieindustrie in einem Golfstaat passiert, reagieren sie sofort darauf. Die Märkte versuchen, die Folgen für die Zukunft abzuschätzen. Wie sieht es in der Realwirtschaft aus, wie gross ist der Schaden, den Unternehmen wegen der stark gestiegenen Energiepreise davontragen? Wenn Lieferketten wie jüngst ins Wanken geraten, dauert es Monate, wenn nicht Jahre, bis sich Unternehmen darauf eingestellt haben. Manche Firmen sind heute noch damit beschäftigt, sich wegen der Disruptionen zu reorganisieren, die sie während der Pandemie und danach wegen des Ukraine-Kriegs erlitten. Die neusten Störungen kommen obendrauf. Die kumulative Wirkung dieser realen Schocks darf man nicht unterschätzen. Sofern sich der Iran-Krieg in die Länge zieht, wird es an den Energiemärkten und bei den Düngemitteln wohl noch weitere Erschütterungen geben. Heisst dies, dass Iran trotz dezimierten militärischen Mitteln über eine potente Waffe verfügt – einfach, weil es die weltweite Energieversorgung weiterhin schwächen kann? Ja. Die Sperrung der Strasse von Hormuz und die Schäden an Förderanlagen in der Golfregion sind eine potente, aber wenig zielgenaue Waffe. Sie treffen nicht nur die Kriegsparteien, sondern auch Europa und Asien. Die globale Wirkung ist immens. Was raten Sie Privatanlegern, lohnt es sich beispielsweise, wegen der gestiegenen Energiepreise auf Erdölkonzerne zu setzen, die Aktien von Chemieunternehmen aber zu meiden? Sich taktisch klug zu positionieren, ist immer ausgesprochen schwierig oder gar unmöglich. Ich rate davon ab. Wichtig ist, dass man eine Strategie, die auf die eigene Situation zugeschnitten ist, definiert und sie auch in anspruchsvollen Phasen wie zurzeit durchhält. Also am besten nichts machen? Wenn die Strategie mit Blick nach vorne weiterhin stimmt, ja. So oder so sollte man aber periodisch die Zusammensetzung des Portfolios überprüfen. Stimmen die Anteile von Aktien, festverzinslichen Titeln oder beispielsweise Gold noch, die man sich vorgenommen hat? Falls nicht, sollte man durchaus auch in Marktphasen wie jetzt Anpassungen machen und zum Beispiel Aktien dazukaufen. Selbst Gold hat seit dem Beginn des Iran-Kriegs um 15 Prozent an Wert verloren. Gibt es noch irgendeinen sicheren Hafen? Ja. Mit einem leben wir, dem Franken. Aber jeder sichere Hafen, auch Gold, ist nicht in allen Szenarien ein sicherer Hafen. In Zeiten, in denen die Zinsen steigen und Zentralbanken mutmasslich Goldbestände verkaufen, reagiert Gold negativ. Was erwarten Sie vom Franken, wird er weiter erstarken? Weil die Schweiz eine tiefere Inflation aufweist, wird sich der Franken nominal weiter aufwerten. Real haben wir auch eine Erstarkung gesehen. Dies ist für Schweizer Exportunternehmen eine Herausforderung. Die bisherige Aufwertung hat sich indes in einem verträglichen Rahmen gehalten. So gesehen finde ich es auch wichtig, dass sich die Schweizerische Nationalbank mit Reaktionen zurückhält. Gewisse Vertreter der Schweizer Exportindustrie, insbesondere der Uhrenbranche, werfen der SNB vor, sie nehme mit ihrem Nichtstun volkswirtschaftliche Schäden in Kauf. Dass sich Exportunternehmen einen schwächeren Franken wünschen, ist verständlich. Aber die Stützung der Exportwirtschaft gehört definitiv nicht zu den Aufgaben der SNB. 2025 war ein ausgesprochen gutes Börsenjahr. Wird 2026 ein Jahr zum Vergessen? Das weiss niemand. Was ich mit meinem Team versuche, ist, in Szenarien zu denken. Unser Basisszenario geht davon aus, dass wir Renditen an den Aktienmärkten sehen werden, die unter dem historischen Durchschnitt liegen. So gesehen erwarten wir kein gewaltiges Börsenjahr. Entscheidend wird auf jeden Fall sein, wie lange der Krieg anhält. Falls er sich in die Länge zieht, könnte der Welt auch eine Stagflation drohen. Dies wäre eines der Stressszenarien, die man auch bedenken sollte. Was passiert an den Märkten, falls sich die USA und Iran einigen und die Strasse von Hormuz schon bald wieder aufgeht? Dann besteht Potenzial für positive Überraschungen. Man sieht es schon jetzt an den Märkten: Immer wenn Hoffnungen aufkommen, dass sich die Situation beruhigt, steigen die Kurse. Man kann auch einen grossen Aufschwung nicht ausschliessen.

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