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Götz Aly: „Ohne dieses Buch hat man vom Holocaust nur die Hälfte verstanden“

Vor 85 Jahren begannen die Deportationen der Juden aus Deutschland. Der erste Zug fuhr am 18. Oktober 1941 vom Bahnhof Grunewald ab. „Der verwaltete Mensch. Studien zur Deportation der Juden aus Deutschland“ heißt das Buch von H. G. Adler, das jetzt neu bei S. Fischer herausgekommen ist. Der Historiker Götz Aly schrieb das Vorwort. Er stellt es am Dienstag in der Buchhandlung Der Zauberberg in Friedenau vor. Was hat es damit auf sich? Götz Aly: Es ist weltweit das wichtigste Buch zur Deportation der Juden aus Deutschland. Und das einzige in dieser Art. Es ist 1974, nachdem der Autor 14 Jahre daran gearbeitet hatte, in ganz kleiner Auflage erschienen. Online wurden die letzten Exemplare vor einem Jahr noch zu 800 Euro angeboten. Jetzt ist es endlich wieder da. Als die deutsche Regierung Anfang 1945 erkannte, dass sie den Krieg verlieren werde, wurden sämtliche Gestapo-Dienststellen angewiesen, ihre „Judensachen“ zu verbrennen. Nur in einer Stadt blieben sie erhalten, in Würzburg. Entweder hatten die Gestapo-Beamten dort den schweren Bombenangriff im März nicht überlebt oder sie hatten in den Trümmern etwas anderes zu tun. Dreh- und Angelpunkt zwischen Leben und Tod Diese Gestapo-Außenstelle war zuständig für Unterfranken, ein großes Gebiet. Aus deren Unterlagen hat H. G. Adler, ein Prager Jude, der vier Jahre in KZs und Arbeitslagern überlebte, das Buch geschrieben. Er war eigentlich ein Literat, 1910 in Prag geboren, hat an der Karlsuniversität über Klopstock promoviert. Deshalb schrieb er auch als Historiker auch gut lesbar. Reisehighlights Reisehighlights exklusiv für Sie MehrDas Buch hat 1400 Seiten. Nirgends erfährt man es genauer: Der Akt der Deportation ist der Dreh- und Angelpunkt zwischen Leben und Tod. Adler hat aus all den Akten zusammengetragen, wie Arbeitsamtsbeamte, Dorfbürgermeister, Stadtpolizisten mitmachten. Man liest, wie es in aller Öffentlichkeit geschah, am helllichten Tage. Wie die Juden aus den Häusern geholt wurden, wie hinterher ihr Eigentum verteilt wurde. Die Transporte wurden von Ordnungspolizei begleitet. Fahrkarten gab es dafür. In Listen, Berichten und Fotoalben ist dokumentiert, wie die Bürger Menschen aus ihrer Mitte verschwinden sahen. Seit ich dieses Buch kenne, denke ich, wenn man das nicht wahrgenommen hat, dann hat man vom Holocaust, so wie er in Deutschland gelaufen ist, nur die Hälfte verstanden. Buchvorstellung Di, 20.10.2026, 19.30 Uhr. Der Zauberberg, Bundesallee 133. Anmeldung info@der-zauberberg.eu oder (030)56739091 Philippe Sands sagt: „Frieden braucht Gerechtigkeit“ und fragt nach dem deutschen Schweigen Ausstellung über ein dramatisches Leben: Witold Pilecki ging freiwillig nach Auschwitz Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

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