Gefährliche Soldaten tanzen Discofox: Laibach stürzt das Huxleys in Fieberträume
Bei akustischer Folter werden Geräusche und Musik gezielt eingesetzt, um Menschen psychisch und körperlich zu zermürben. Eine solche simuliert das slowenische Avantgarde-Kollektiv Laibach in den ersten zwanzig Minuten vor Beginn des Konzerts in Huxleys Neue Welt: Man ist gefangen in einer Dauerschleife aus Industrial-Sound, die an den Gleichschritt von Soldaten erinnert. Im Dreisekundentakt schallt der Ruf „Laibach“.
Es ist unerträglich, aber irgendwie möchte man doch zu diesem Aufmarsch-Loop vom Tonband tanzen. Warum eigentlich? Jeder ist für sich auf die Folter gespannt und bereit für die totalitäre Übernahme durch Laibach.
Der geschulte Fan weiß, was die nächsten anderthalb Stunden auf ihn zukommen müsste: Musikalische Kundgebungen von Sänger Milan Fras in Bergarbeiterkluft, provokative Nazi-Metaphern und martialischer Industrial-Sound, der einst Rammstein inspirierte und die Diktatur auf der Tanzfläche in Schach hält. Doch beim neuen Album „Musick“ kommt alles ganz anders.
Nach „Spectre“ und damit nach zwölf Jahren Quasi-Abstinenz ist es ein lang erwartetes Studioalbum mit eigenen Songs. Als Produzent war unter anderem Richard X beteiligt, der auch mit Goldfrapp, New Order und den Sugababes gearbeitet hat.
Vor allem jene Laibach-Fans, die vor dem Späti nebenan zu den alten Platten aus dem Ghettoblaster vorglühen, werden es das schlechteste Konzert aller Zeiten nennen. Oder vielleicht: Die fetischisierte Fiebertraumversion eines Eurovision-Song Contests – aber ganz sicherlich weit unter gewohntem Laibach-Niveau.
Wer mit einem Konzert rechnet, ist selbst schuld
Zur Verteidigung könnte man sagen, dass der Abend nicht als Konzert gemeint war, sondern als ein Stroboskop-durchzogenes Spektakel klug ausgetüftelter Konzeptkunst. Das Herz der Show bildet eine permanent kammerflimmernde, die Sinne mit Bildern überfrachtende Leinwand: Alte Nintendo-Atari-Ästhetik stößt auf die sexistische MTV-Art der Nullerjahre und auf die überfrachtende Optimierungszeitschleife, in der wir uns permanent befinden, wenn wir wie Zombies durch Social Media scrollen.
Genial gelöst bekommen dort auch am „Musick“-Album beteiligte Frauen wie die ghanaische Frauenrechtlerin und Künstlerin Wiyaala, die slowenisch-montenegrinische Sängerin Senidah, Manca Trampuš und die Laibach-Wegbegleiterin Donna Marina Mårtensson ihren Auftritt. Wie zugeschaltet aus der Ferne.
Gleichzeitig entblößen die knallharten Liedtexte unsere Gegenwart so brachial wie möglich: Schon der titelgebende Opener „Musick“ hat es in sich. Er greift die Dauerbeschallung vom Anfang auf und verwandelt sie in etwas erträglich Tanzbares. „Music“ bezeichnet die Musik an sich, „sick“ die Krankheit. Musik als Sucht und Überangebot. Eine Sache, die uns, kommerziell gesehen, längst nicht mehr glücklich macht, sondern mit Reizen überflutet.
Und das ist nur eins der vielen Grundthemen der Stunde. Die auf dem Cover abgebildete Heroinspritze über einem tätowierten Arm mit Laibach-Schriftzug ist plötzlich selbsterklärend.
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Dass wir alle Sklaven unserer massengesteuerten und selbsterklickten Algorithmen sind, wie im Song „Allgorhythm“ zu verstehen ist, macht auch die eingespielte KI-Stimme am Anfang und am Ende klar. Man muss sich auf diesem „Konzert“ nicht wohlfühlen – Widerstand sei zwecklos. Alles wird aufgenommen und getrackt.
In „Musick“ heißt es: Musik sei der Schlüssel, Erlösung und die Antwort. Aber auch das eigentliche Schlachtfeld. Der Ort, wo Massenkontrolle fast überhörbar wird, wenn auch nicht zu übersehen. Musik ist Macht und massenhypnotischer Albtraum gleichermaßen. „All-go-rhythm“: Jedes Schaf hört und glaubt, was das andere Schaf hört und glaubt.
Passend dazu verhandelt der Song „Luigi Mangione“ die mediale Verwurstung des mutmaßlichen Attentäters, der 2024 den CEO eines US-Krankenversicherungsunternehmens erschossen haben soll. Held oder Übeltäter?
Der Song speit lediglich Keywords aus und benennt die Übeltäter unserer Zeit: TikTok, Facebook, Zoom, Teams, Handys, CCTV, Pro- und Anti-Demonstranten, Gesichtsmasken und Schwurbler. Auch Songs wie „Keep it Reel“ richten sich gegen Fake News und Desinformation der Massen.
Immer wieder verlässt Milan Fras zwischen den Songs die Bühne und überlässt die Wirkung dem Kollektiv, der Leinwand und den Tänzerinnen, die mal als Krankenschwestern, als fleischgewordene Male-Gaze-Dominas mit Bunny-Maske oder in bayerischen Lederhosen das Publikum zum Bühnentanz abholen. Das irritiert, aber funktioniert. Schließlich geht es nicht um Nähe, sondern darum, was uns Nähe verbaut.
Den Nazi-Sprech gibt es immer noch. Auf Deutsch aber nur auf der Leinwand.
© Jordis Antonia Schlösser
Hinter dem „Konzert“ steckt eigentlich ein Experiment
Geht es Laibach um die Übersteuerung von Genres? Oder entdeckt die Band, die die Ikonographie des Autoritären über Jahrzehnte bis ins Kleinste seziert hat, jetzt die Popmusik, um deren Eingängigkeit als Mittel der Verführung einzusetzen?
Was vermutlich die wenigsten im Publikum mitschneiden: Das Ganze ist ein progressives Experiment und man selbst wird als Gast der wichtigste Teil dessen Ergebnisses. Ärgert man sich als eingefleischter Fan gerade noch, dass man in diesem flatterhaften Wust aus Industrial, Eurodance, elektronischer Popmusik, K-Pop und J-Pop gefangen ist, ist man längst Teil eines Echtzeit-Versuchs geworden.
Denn mittendrin hört das mutmaßliche Konzert einfach auf. Die Tänzerinnen lassen das Publikum einen Tanz einstudieren, um sich wieder mit sich selbst zu verbinden. Das gelingt anfangs nicht so gut, jedenfalls nicht in Berlin. Doch tatsächlich: Je mehr Leute sich zu der Choreografie hinreißen lassen, desto mehr machen mit.
Die These, wer im Takt tanzt, zeigt Gehorsam und hat längst kapituliert, geht letztlich auf. Auch ein 15-minütiger Techno-Exkurs, der den Eurovision Song Contest in die Gemäuer des Berghains abdriften lässt, möchte demonstrieren, wie Beat und Bässe unsere Körper und damit unser Bewusstsein unmittelbar gleichschalten.
Die Hymne des Abends ist aber „Singularity“
Die Hymne des Abends ist ganz am Ende aber „Singularity“. „It's a world of echoes we can't break“, heißt es da. Laibach zeigt uns eine Welt auf, in der wir längst nicht mehr wissen, ob wir unsere eigenen Überzeugungen hören oder nur das Echo dessen, was uns nach Plan eingetrichtert werden soll.
Das Bereichernde an diesem Abend ist, dass das 1980 im Bergarbeiterort Trbovlje gegründete Laibach-Kollektiv den für sie so verbuchten Skandal weiterdenkt und eine zeitgemäße Erzählform wählt. Skandale werden nicht mehr ganz so heftig mit der Technik der Überidentifikation provoziert.
Die ausgelutschten Nazi-Metaphern, der Bandname Laibach selbst oder das schwarze Kreuz von Malewitsch als Band-Emblem sind heute Teil der Show, aber längst nicht mehr deren eigentlicher Zweck. Ihr Skandalkonzert in Nordkorea, der abgesagte Auftritt in der Ukraine, die einstige Provokation, Tito mit pornografischen Bildern zu konfrontieren – alles Geschichte.
Laibach hat seine Strategie der Überidentifikation allerdings nicht ganz aufgegeben, sondern nur deren Gegenstand ausgetauscht. Waren es früher die totalitären Staatsapparate, deren Ästhetik und Rhetorik sie sich aneigneten, verleiben sie sich heute die Unterhaltungsindustrie samt ihrer Massenhypnosetechniken ein.
Das Publikum darf weiterhin selbst entscheiden, ob es gerade eine Verherrlichung oder eine Demontage von Macht erlebt. Nur kommt diese, glaubt man Laibach, heute nicht mehr nur im Gleichschritt auf Stiefelabsätzen daher, sondern in Form verdammt guter Beats.
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