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„Absolute humanitäre Krise“ im Gazastreifen

Es mangle an vielem, beginnend beim Schutz der Bevölkerung, so Bachmann. Lokale Teams von Ärzte ohne Grenzen würden infolge von Angriffen fast täglich Schwerverletzte behandeln müssen. Die Lebensbedingungen eines Großteils der Bevölkerung sind prekär. 94 Prozent der Bevölkerung lebten auf engstem Raum in Zelten und anderen Notunterkünften, sagte der humanitäre Berater. Immer wieder komme es zu Evakuierungsanordnungen. „Die Wasserversorgung ist extrem limitiert und reduziert sich weiter“, schilderte Bachmann. Aufgrund mangelnder hygienischer Bedingungen komme es zu Hauterkrankungen und anderen Infektionserkrankungen. In jener Situation sei es „vollkommen klar, dass die Bevölkerung hochgradig von humanitärer Hilfe abhängt, darunter eben auch Nahrungsmittelhilfe“, so Bachmann. Dass nun „immer weniger Hilfe immer weniger Menschen“ erreiche, bezeichnete er als „sehr bedrückend“. Welternährungsprogramm reduziert Hilfe um ein Drittel Wichtige Geldgeber wie die USA, aber auch EU-Staaten hatten in den vergangenen Jahren internationale Hilfsmittel stark gekürzt. Das hatte zur Folge, dass NGOs wie auch UNO-Organisationen Projekte einstellen und Personal in Krisengebieten reduzieren mussten – auch im Gazastreifen. Wie das WFP am Montag bekanntgab, erhalten dort ab sofort rund eine halbe Million Palästinenser keine Hilfe mehr. Statt bisher 1,6 Millionen Menschen werden nun 1,1 Millionen Menschen mit Lebensmittelpaketen, Brot und Bargeld versorgt. Auch diejenigen, die weiter Hilfe erhielten, bekommen weniger. Bereits im September hatte das WFP die Zahl der Hilfsempfänger im Westjordanland von 400.000 auf 200.000 halbiert und den Schritt mit gekürzten Finanzmitteln erklärt. Kürzungen „höchst alarmierend“ Die Hilfsorganisation CARE bezeichnete die Kürzungen beim WFP in einem Statement gegenüber ORF.at als „höchst alarmierend“: „Sie gefährden die Ernährungssicherheit von Familien, die ohnehin kaum Reserven haben. Besonders für Kinder ist Mangelernährung gefährlich: Sie schwächt das Immunsystem, erhöht das Risiko schwerer Krankheitsverläufe und kann die körperliche und geistige Entwicklung langfristig beeinträchtigen.“ In UNO-Daten zeichnet sich zwar eine leichte Verbesserung der Ernährungssituation ab, Fachleute bleiben aber weiterhin alarmiert. Laut WFP würden aktuell 67 Prozent der Menschen im Gazastreifen unter akuter Ernährungsunsicherheit „oder Schlimmerem“ leiden. Ende 2025 seien es noch 77 Prozent gewesen. Die Verbesserung sei „nach wie vor bescheiden und fragil“, heißt es in einer Aussendung. Bachmann: „Massive Blockaden“ von Hilfslieferungen Auch die IPC-Initiative (Integrated Food Security Phase Classification), die Nahrungskrisen in aller Welt beobachtet, schätzt den Bedarf an humanitärer Hilfe trotz bis Ende Dezember prognostizierten Verbesserungen weiterhin als hoch ein. Die für Palästinenserangelegenheiten zuständige israelische Behörde COGAT sieht dagegen keine akute Ernährungsunsicherheit mehr. Vergleiche man die aktuelle Situation mit der „Totalblockade“ von Hilfslieferungen in den Gazastreifen und der damit extrem niedrigen Ausgangslage, so sei „natürlich alles eine Verbesserung“, fügte Bachmann hinzu. Die jüngste IPC-Prognose bilde das Bild an Ort und Stelle auch nicht mehr ganz ab. So komme es ihm zufolge zuletzt erneut zu „massiven Blockaden“ von Hilfslieferungen in den Gazastreifen. Israel entzog Dutzenden NGOs Lizenz Er erinnerte auch an ein De-facto-Arbeitsverbot, von dem seit Anfang Dutzende Organisationen betroffen sind. Zur Erinnerung: Die israelischen Behörden haben internationale Organisationen mit Beginn 2026 zur Registrierung aufgerufen, die viele Organisationen aber als gesetzeswidrig ablehnten. Die Registrierung diene dazu, „die Beteiligung terroristischer Elemente zu verhindern“, argumentierte Israel. Kritiker sahen dagegen unklare Bestimmungen. Die Folge war, dass 37 Organisationen bis März ihr internationales Personal aus dem Gazastreifen und dem Westjordanland abziehen mussten, darunter auch Ärzte ohne Grenzen. Die NGO ist seither gänzlich auf ihre palästinensischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angewiesen, erklärte Bachmann, der sich als MSF-Einsatzleiter Anfang des Jahres selbst in den besetzten palästinensischen Gebieten aufgehalten hatte. NGO: Vorräte bei Hunderten Medikamenten aufgebraucht Die Hilfsorganisation sei seinen Angaben zufolge seit bald zehn Monaten nicht mehr in der Lage, Medikamente, chirurgisches Material sowie weiteres notwendiges Material für die Instandhaltung von Wasseraufbereitungsanlagen und Generatoren in das Krisengebiet zu transportieren. Die NGO lebe von ihren Reserven, so Bachmann. Von 630 essenziellen Medikamenten seien die Vorräte inzwischen aufgebraucht. „Das heißt, wir müssen Patientinnen abweisen, weil wir unsere verbleibenden Mittel rationieren müssen.“ Tausende Menschen, die unter Knochenmarksentzündungen litten, drohe deshalb der Verlust von Gliedmaßen bis hin zum Tod. Auch die psychische Belastung sei drei Jahre nach dem Ausbruch des Gaza-Krieges enorm. Die Regierung in Israel forderte Bachmann auf, dem internationalen humanitären Völkerrecht nachzukommen und die Blockade sowie die extreme Einschränkung von Hilfslieferungen in den Gazastreifen, aber auch im Westjordanland zu beenden. Tödliche Angriffe trotz Waffenruhe Auslöser des verheerenden Krieges war das Massaker vom 7. Oktober 2023 in Israel. Terroristen aus dem Gazastreifen töteten dabei rund 1.200 Menschen und verschleppten mehr als 250 weitere in das Palästinensergebiet. Laut der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde wurden seitdem bei Israels Luftangriffen und Einsätzen auf dem Boden mehr als 74.000 Palästinenser getötet. Die Statistik unterscheidet nicht zwischen Zivilisten und bewaffneten Kämpfern. Obwohl seit gut einem Jahr eine Waffenruhe gilt, ist die politische Zukunft des Gazastreifens weiterhin ungewiss. Der von den USA vorangetriebene Friedensplan sieht die Entwaffnung der Hamas und einen Rückzug der israelischen Soldaten aus dem Gazastreifen vor. Doch der Plan stagniert. Sorge vor Winter wächst Hilfsorganisationen bereiten sich dessen ungeachtet auf die Widrigkeiten der kommenden Monate vor: Mit dem bevorstehenden Winter verschärfe sich die Lage nämlich zusätzlich, warnte CARE. „Viele Familien leben in beschädigten oder provisorischen Unterkünften und haben kaum Möglichkeiten, sich vor Kälte und Nässe zu schützen“, heißt es in einem Statement. Im vergangenen Winter seien unzählige Menschen in dem Küstenstreifen von Überflutungen betroffen gewesen, so auch Bachmann. Die Prognosen im Zusammenhang mit dem Wetterphänomen „El Nino“ deuteten auf noch stärkere Niederschläge hin, sagte der Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen: „Den Menschen steht ein weiterer extrem harter und extrem schwerer Winter bevor.“

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