Ein Hamas-verstehender Austernzüchter mit Nazi-Tattoo: Graham Platner ist ein Paradebeispiel für die Radikalisierung bei den linken US
Ein Hamas-verstehender Austernzüchter mit Nazi-Tattoo: Graham Platner ist ein Paradebeispiel für die Radikalisierung bei den linken US-Demokraten
In der Partei setzen sich immer öfter die klassenkämpferischen Heisssporne durch. Je unangepasster der Kandidat, desto besser: Das scheint das Konzept im Kampf gegen die Republikaner zu sein, auch bei den Senatswahlen in Maine.
Offenbar handelt es sich nicht um eine Unterhose, die Graham Platner in dem Video trägt. Es seien sogenannte «silkies», sagt er, ultrakurze, olivgrüne Laufshorts des Marinekorps. In nichts ausser «silkies» also, sichtlich betrunken, torkelt Platner durch die Bar und singt «Wrecking Ball» von Miley Cyrus.
Gut zehn Jahre ist der Auftritt her, den der heutige Shootingstar der Demokratischen Partei bei der Hochzeit seiner Schwägerin hinlegte. Die Peinlichkeit wäre längst abgehakt. Aber als Platner im vergangenen Herbst in das Rennen um den amerikanischen Senat im Gliedstaat Maine einstieg, holte ihn die exhibitionistische Einlage ein. Denn auf seinem Oberkörper machte sie eine fragwürdige Tätowierung sichtbar.
Auf der linken Brust, so ist in dem Video zu erkennen, hat sich Platner ein Totenkopfmotiv stechen lassen: einen Schädel mit zwei gekreuzten Knochen. Dieser stellt nicht etwa ein verspieltes Piratensujet dar. Vielmehr ist das Tattoo exakt dem Totenkopf der SS-Einheiten bei den Nazis nachgestellt. Platner will das nicht gewusst haben.
Er fand es schön «gruselig»
Ohne sich viel dabei zu denken, habe er sich das Tattoo als 22-jähriger Marine-Infanterist bei einem Landgang in Kroatien aus dem Katalog ausgesucht, so erklärt er sich im Podcast «Pod Save America». «Es sah gruselig aus, es sah nach Militär aus.»
Fast zwanzig Jahre lang sei er unbehelligt damit herumgelaufen. Die Leute hätten ihn am Strand gesehen, im Fitnessstudio, bei der militärischen Musterung. Nie habe ihn jemand auf den Nazi-Hintergrund hingewiesen, sagt er. Doch nun wolle ihn der politische Gegner mit dem Video fertigmachen.
Aber wenn man sich seine Kommentare in den sozialen Netzwerken anschaue, so fügt er hinzu, sehe man nur zu deutlich, wie er zu Nazis stehe, zu Antisemitismus und überhaupt zu Rassismus. «Ich würde sagen: Ich bin ein lebenslanger Gegner.»
Ganz unbescholten ist sein Leumund allerdings nicht. Als er 2013 als Barkeeper arbeitete, fragte er sich in einem Social-Media-Post einmal, «warum Schwarze kein Trinkgeld geben». Doch falls er einst tatsächlich rassistische Gedanken gehegt haben sollte, so sind von ihm mehr noch radikal linke Kommentare aufgetaucht.
Laut CNN hat sich Platner in älteren Reddit-Posts als Kommunist bezeichnet. Im Stile identitätspolitischer Selbstgeisselung nannte er seine weissen Mitmenschen im ländlichen Maine grundsätzlich Rassisten, und Polizisten schimpfte er «Bastarde».
Posttraumatische Belastungsstörung
Er sei damals in einer dunklen Phase gewesen, entschuldigte er seine Fehltritte. Vier Einsätze in Iran und Afghanistan hätten ihn «desillusioniert über die amerikanische Aussenpolitik» zurückgelassen, sagte er gegenüber «Maine Public». Eine posttraumatische Belastungsstörung trug offenbar auch zu seinen Wutanfällen in den sozialen Netzwerken bei. Aber er habe sich gefangen, sagt er.
Als Kommunist will er sich heute genauso wenig verstanden wissen wie als Nazi. Das Tattoo liess er überstechen. Statt des Schädels prangt nun ein keltischer Knoten auf seiner Brust, kombiniert mit einem Motiv, das einen seiner Hunde darstellt. Die Illustration soll vermutlich seine Rückkehr in den zivilisierten Diskurs symbolisieren. Doch zum geschmeidigen Mitte-links-Demokraten macht ihn der kosmetische Eingriff noch lange nicht. Platner politisiert am linken Rand.
Er will ein staatliches Gesundheitssystem, das alle Amerikaner gratis und franko abdeckt. Er will ausserdem eine kostenlose Kinderbetreuung, was in der amerikanischen Politik als sehr linkes Anliegen gilt, und er will eine Vermögenssteuer für Milliardäre, um sich den «Reichtum zurückzuholen», wie er sagt. Mindestens zwei konservative Richter des Supreme Court will er ausserdem des Amtes entheben. Deutlich weniger will er aussenpolitisch: Da fordert er amerikanische Zurückhaltung, nur an Israel stört er sich massiv.
Schon 2014 applaudierte er nach dem tödlichen Überfall einer Hamas-Brigade auf israelische Soldaten, den er «vom rein professionellen Standpunkt aus betrachtet» als «verdammt gut ausgeführt und erfolgreich» bezeichnete. Die Attacke sei ihm abgegangen, «I dig it». An seinen Sympathien im Konflikt hat sich seither aber wenig geändert, auch wenn er sich heute friedfertiger gibt. Den israelischen Krieg in Gaza nennt er einen «Genozid», die Unterstützung durch die USA «beschämend».
Der Mamdani von Maine
Der 41-Jährige, der neben der Politik als Austernzüchter arbeitet, hat seine angebliche Wandlung vom militarisierten Rowdy zum Kritiker des Systems zu seinem zentralen Verkaufsargument gemacht. Er sei Kanonenfutter gewesen, nun will er Klassenkämpfer sein. Als Letzterer, so könnte man auch sagen, tritt Graham Platner in die Fussstapfen von Zohran Mamdani.
Nach dem Coup des demokratischen Sozialisten, der es aus dem Nichts zum Bürgermeister von New York schaffte, scheint der Mann aus Neuengland für die nächste Überraschung gut zu sein.
Während sich Mamdani gegen den ehemaligen Gouverneur Andrew Cuomo durchsetzte, düpierte Platner die Gouverneurin von Maine, Janet Mills. In der internen Vorausscheidung bei den Demokraten zwang er die gestandene Demokratin vor Wochenfrist zur Aufgabe. «Politico» spricht von einem «schockierenden Sturz» der gemässigten Kandidatin und einem «herben Schlag» für Chuck Schumer, der sie als Minderheitsführer des Senats protegiert hatte.
Damit verdichten sich die Anzeichen, dass sich in der Demokratischen Partei zunehmend die radikal progressiven Stimmen durchsetzen. Der rasante Aufstieg von Abdul El-Sayed, der flankiert vom linksextremen Influencer Hasan Piker in Michigan für den Senat kandidiert, deutet auch darauf hin.
Im Kräftemessen zwischen der sozialistischen Linken und den Moderaten, das die Partei seit dem Duell zwischen Bernie Sanders und Hillary Clinton im Jahr 2016 bewegt, scheinen Erstere die Oberhand zu gewinnen. «Haben die Demokraten einen Tea-Party-Moment?», fragt sich die konservative «National Review».
Die Tea-Party-Bewegung führte die Republikaner bei den Kongresswahlen 2010 zum Triumph. Aufmüpfige Kandidaten wie Marco Rubio und Ted Cruz hatten damals etablierte Republikaner verdrängt und der Partei zwei Jahre nach Barack Obamas Sieg bei den Präsidentschaftswahlen einen ungeahnten Konter ermöglicht. Nun scheinen es ihnen die Demokraten mit möglichst unangepassten Kandidaten im Kampf gegen Donald Trump gleichtun zu wollen.
Denn auch bei ihnen hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass weite Teile der amerikanischen Bevölkerung parteiübergreifend das Vertrauen in ihre Vertreter in Washington verloren haben. Laut einer Gallup-Umfrage sind gerade einmal zehn Prozent der Meinung, dass der amerikanische Kongress gute Arbeit mache. Sogar die Steuerbehörde ist laut der «New York Times» beliebter.
Revoluzzer aus gutem Haus
Systemsprenger wie Platner geniessen entsprechend Zulauf. Sollten die Demokraten nach den Zwischenwahlen im November die Mehrheit in beiden Kongresskammern übernehmen, will er eine totale Obstruktionspolitik betreiben. Er fordert, Mitglieder der Trump-Regierung mit so vielen Anklageerhebungen einzudecken, dass sie gar nicht mehr arbeiten können. «Wir müssen dieses Weisse Haus stilllegen», sagt er.
Der bullige Ex-Marine verkörpert gewissermassen die politische Abrissbirne. Damit punktet er nicht nur im liberalen Grossraum um Portland, sondern auch im ländlichen, eher konservativen Norden, wo die Skepsis gegenüber dem politischen Establishment in Washington die Wähler sonst eher den Republikanern zutreibt. In frühen Umfragen geniesst er gegenüber der bisherigen republikanischen Senatorin Susan Collins einen deutlichen Vorsprung.
Im Kampf gegen Trump will er die Arbeiterklasse nicht einfach ins demokratische Lager zurückholen. Die Arbeiterklasse soll die Partei geradezu kapern: «Er will eine Massenbewegung gegen den Status quo starten», wie ein ehemaliger Schulfreund von ihm im «Maine Monitor» schreibt.
Platner gibt sich als Anwalt der einfachen Leute, obwohl er, wie Zohran Mamdani, aus der oberen Mittelschicht kommt. Sein Grossvater, der Innenarchitekt Warren Platner, ist mit seinen modernistischen Designklassikern buchstäblich in vielen guten Stuben präsent.
Er selber ging auf die renommierte Hotchkiss School in Connecticut, die etwa 75 000 Dollar im Jahr kostet. Allerdings sparte er seinen Eltern einen grösseren Teil des Schulgelds, da er im ersten Jahr wegen schlechten Betragens exmatrikuliert wurde.
Er kam dann auf eine andere Privatschule, wo er sich offenbar besser benahm. Aber nach dem Jahrbuch zu schliessen, war er auch dort als Radikalinski bekannt. Im Eintrag über ihn heisst es, dass er derjenige sei, «der am wahrscheinlichsten eine Revolution beginnt». Zumindest in der Demokratischen Partei hat er die Verhältnisse schon ordentlich aufgemischt.
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