Die Huthi sind zurück. Mit dem Kriegseintritt der Jemeniten eskaliert die Lage im Nahen Osten weiter
Die Huthi sind zurück. Mit dem Kriegseintritt der Jemeniten eskaliert die Lage im Nahen Osten weiter
Fast einen Monat hielten sie sich abseits. Nun haben die jemenitischen Milizionäre eine Rakete auf Israel abgeschossen und treten damit aufseiten Irans in den Krieg ein. Die Folgen könnten gravierend sein.
Seit vier Wochen tobt im Nahen Osten ein gnadenloser Krieg. Nachdem Israel und Amerika Iran angegriffen hatten, weitete sich der Waffengang aus: In Libanon kämpft sich Israels Armee durch die Stellungen eines wiedererstarkten Hizbullah, der Teheran zu Hilfe geeilt war. Im Irak feuern schiitische Milizen ihre Geschosse auf US-Basen ab. Der Golf versinkt im Stahlgewitter der iranischen Gegenschläge.
Nur eine Front blieb bisher erstaunlich ruhig: die in Jemen. Trotz fortschreitendem Flächenbrand hielten sich ausgerechnet die dort herrschenden Huthi zurück. Dabei galten die zur Staatsmacht mutierten ehemaligen schiitischen Bergkrieger eigentlich als prädestiniert dafür, Seite an Seite mit Iran in die Schlacht zu ziehen. Seit ihrer Machtübernahme in Nordjemen 2015 sind sie eng mit Teheran verbündet.
Nun haben die Jemeniten ihre Zurückhaltung abgelegt. Von der Huthi-Hauptstadt Sanaa aus kündigte der Huthi-Militärsprecher Yahya Saree am Freitag via Fernsehen den drohenden Kriegseintritt seiner Truppen an. Sollten die Angriffe auf Iran nicht aufhören oder etwa das Rote Meer für Angriffe benutzt werden, würden die Jemeniten in den Nahostkrieg eingreifen, donnerte er. «Wir haben den Finger am Abzug.»
Der letzte Krieg ist noch nicht lange her
Ein paar Stunden später war es dann so weit. Am frühen Samstagmorgen schossen die Huthi zum ersten Mal seit langem wieder eine Rakete auf Israel ab. Damit scheint der Krieg nun auch in Südarabien angekommen – mit unabsehbaren Konsequenzen. Schon zuvor hatte ein Huthi-Kommandant der Nachrichtenagentur Reuters versichert, man sei bereit: «Die Stunde null wird von der Führung festgelegt.»
Immer wieder war darüber spekuliert worden, wann die Huthi wohl in den Krieg eingreifen würden. Als Grund für das Zögern nannten Huthi-Vertreter die Einschätzung, dass Iran am Siegen sei und keine Hilfe brauche. Viele Beobachter hingegen vermuteten, dass die Jemeniten sich noch vom letzten Waffengang erholen müssten. Die Huthi hatten im Oktober 2023 zur Unterstützung der Hamas in Gaza Israel monatelang mit Raketen beschossen und die Schifffahrt im Roten Meer attackiert.
Ihre Stellungen waren daraufhin Ziel mehrerer Bombenkampagnen. Sowohl Amerikaner, Briten als auch Israeli attackierten die Huthi, zerstörten die Infrastruktur des bettelarmen Jemen und töteten mehrere Regierungsmitglieder, ohne aber die schiitischen Kämpfer nachhaltig zu schwächen. US-Präsident Trump liess sich später sogar auf ein Abkommen mit den Huthi ein. Nach dem Ende des Krieges in Gaza ebbten die Kämpfe in Jemen dann ab.
Blockieren die Huthi nun das Rote Meer?
Nun sind die Huthi zurück auf dem Schlachtfeld. Doch der Krieg ist diesmal ein anderer. Zwar richtete der Huthi-Erstschlag in Israel keinen Schaden an. Aber die Raketen der Jemeniten treffen nun auf eine ermüdete israelische Abwehr, die sich seit Wochen gegen Dauerbeschuss aus Iran wehren muss.
Die Huthi haben aber noch andere Pfeile im Köcher. Sie könnten etwa gemeinsam mit Iran die geplagten Golfstaaten in die Zange nehmen, die schon jetzt unter Teherans Gegenschlägen am meisten zu leiden haben. Vor allem für Saudiarabien sind das düstere Aussichten. Das Königreich war jahrelang in einen aussichtslosen Luftkrieg gegen die Huthi verstrickt gewesen und musste empfindliche Raketenschläge hinnehmen. Riad wollte den Jemeniten daher aus dem Weg gehen.
Schaden könnten die Huthi auch auf den Weltmeeren anrichten. Schon 2023 hatten sie von ihrer Küste aus die strategische Meerenge Bab al-Mandab unsicher gemacht, welche vom Indischen Ozean ins Rote Meer führt. Das könnten sie nun wieder tun. Nach der von iranischen Kommandos blockierten Strasse von Hormuz wäre es die zweite Meerenge in der Region, die unter der Kontrolle Teherans und dessen Alliierten stünde. Für die Weltwirtschaft wären die Folgen unabsehbar.
Es droht eine neue Front in Jemen
Noch ist unklar, ob die Huthi zu diesen Mitteln greifen werden. Denn obwohl sie mit Teheran verbündet sind und dank Iran über Raketen und Antischiffswaffen verfügen, verfolgen die der Schiitensekte der Zaiditen angehörenden Huthi im Vergleich zum inzwischen komplett Iran-hörigen Hizbullah in Libanon einen eigenen Kurs. Ein Beobachter am Golf bezeichnet die Verbindung eher als Zweckehe.
Zudem müssen die Huthi auf ihren Hinterhof achten. Zwar haben sie in ihrem Herrschaftsbereich im Nordjemen alles im Griff. Doch im Süden des Bürgerkriegslandes haben sich die Machtverhältnisse zuungunsten der Machthaber in Sanaa geändert. Waren die von Saudiarabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten gesponserten Gruppen dort jahrelang mit ihren eigenen Fehden beschäftigt, so gelang es Riad zuletzt, die Opposition mit Gewalt zu einigen.
Den bedrohten Saudi, für die mit dem Kriegseintritt der Huthi der Albtraum eines Zweifrontenkrieges wahr zu werden droht, bleibt damit immerhin die Möglichkeit, im schlimmsten Fall auch am Boden gegen die Jemeniten vorzugehen. Denn Bombardierungen aus der Luft gegenüber haben sich die Huthi – die seit ihrer Machtübernahme in Sanaa fast permanent beschossen wurden – als ausgesprochen resistent erwiesen.
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